Stadt, Land, Fluss

Wo gehen wir denn hin? Immer nach Hause. Novalis

Ich musste in den hohen Norden fahren, kein schöner Termin, aber wenn ich etwas kann, dann mir auch schwierige Zeiten so angenehm wie möglich gestalten.

Ich buchte mir also ein Zimmer in einem ganz besonderen Gästehaus, packte viele Leckereien und natürlich meine Laufsachen ein. Wenn schon mal ein Meer in der Nähe ist, dann musste ich da ja wohl auch mal dran lang laufen. Und für die lange Fahrt hatte ich ein gutes Hörbuch eingepackt, das ich mir schon aus der Stadtbibliothek meines Vertrauens ausgeliehen hatte. Es handelte sich um das Buch, das in meinem Literaturkreis besprochen werden soll. Und da ich gerade eh knapp mit der Lesezeit bin, dachte ich mir in diesem Fall: Ein Hörbuch tut’s auch.

Ich hatte noch überhaupt keine Ahnung, worum es darin gehen würde. Was für ein Zufall: eine Familiengeschichte, eine Geschichte über Frauen aus dem hohen Norden und eine Geschichte über die Gegensätze zwischen Stadtmenschen und Landvolk. Und sogar noch viel mehr als das.

„Vielleicht war das aber auch bloß so ein therapeutisches Ding, betreutes Arbeiten, bisschen Rumpütschern an Veras Ruine, um runterzukommen oder mit sich ins Reine, die Sorte mochte er ja am liebsten, mit den Bäumen schmusen und an der Elbe nach Kraftorten suchen, am Arsch.“

An die Stimme von Hannelore Hoger musste ich mich zugegeben erst einmal gewöhnen. Es kam mir nuschelig vor. Dann folgten aber recht schnell auch die Dialoge und damit die ersten Sequenzen in Platt und ich war verzückt. Die Stimme passte dann plötzlich wie die Faust aufs Auge zu dieser Geschichte.

Im Mittelpunkt des Romans stehen zwei Frauen, Vera und ihre Nichte Anne. Zunächst einmal leben die beiden ihr eigenes Leben, völlig unberührt voneinander. Anne das Leben einer jungen Mutter in einem Hamburger Vorort in scheinbarem Wettstreit mit anderen Vollwert-Muttis, die ihre Kinder wie Preispokale durch die Straßen tragen. Vera das Leben einer alleinstehenden 70-jährigen Frau, die weder über ihr altes verwitterndes Haus auf dem Land, noch über die Geister aus ihrer Vergangenheit Herr werden kann.

Es ist ein Buch über Flucht und Vertreibung, das nicht immer etwas mit Krieg zu tun haben muss, sondern auch manchmal mit Menschen, die aus anderen Gründen aus ihrem Leben vertrieben werden. Es ist auch eine Geschichte über Mutter und deren verzweifelten Versuch, ihre scheinbar misslungene Kindheit nicht an ihren eigenen Kindern abzuarbeiten. Was schwer (im Sinne von schwermütig) klingt, ist es in diesem Fall nicht. Denn das alles ist wirklich sehr amüsant erzählt, ganz besonders wenn die Landlust-Sehnsucht der Hamburger Stadtmenschen auf die von der Autorin wunderbar spitz und überzeichneten Urgesteine auf dem ‚echten alten Land’ treffen. Am Ende wird es für mich ein bisschen zu rührend, das ist aber sicher Geschmackssache.

Dieses Buch ist wirklich pure Unterhaltung und vor allem gute Unterhaltung.

Nachdem ich mit dem Hörbuch durch war, habe ich noch ein wenig im Buch gestöbert und wieder einmal festgestellt, dass es eine Schande ist, solche Romane in einer so drastisch gekürzten Hörbuchfassung zu produzieren. Ich werde mich also bis zum Treffen meines Literaturkreises damit beschäftigen, die kleinen Nebenkriegsschauplätze auszugraben, die es nicht in die vorgelesene Version geschafft haben.

Merke: Hörbuchfassungen nur ungekürzt!

„Altes Land“ von Dörte Hansen, Knaus Verlag, 19,99 €

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