Bang, Bang – My Baby shot me down

Es gibt Bücher, die klingen und riechen.

Der Februar, in dem wir als Familie konsequent mal die Kisten aus lassen, beschert mir jedes Jahr immer wieder wunderbare Lesestunden. Selbstverständlich hat das Leseerlebnis damit zu tun, in welcher Zeit man es gerade gelesen hat. Geht es einem selbst gerade gut oder schlecht? Scheint die grelle Sonne vom Himmel oder kommt gerade gefühlt kaum ein Lichtstrahl durch die dicke Wolkendecke? Bei mir macht es obendrein unheimlich viel aus, ob ich ausreichend Zeit hatte, mich mit einem Buch zurückzuziehen, ob ich immer mal wieder zehn Seiten lese oder mal eine ganze Stunde Zeit habe zu lesen. Ich glaube das geht vielen von uns so. Bücher, die ich im Urlaub oder in einer anderen Form von „Auszeit“ gelesen habe, bleiben mir irgendwie immer mehr im Gedächtnis, brennen sich einfach viel tiefer ein.

Wer weiß, ob der Roman Gun Love von Jennifer Clement es auch unter, ich sage mal normalen Umständen geschafft hätte, mich so zu erobern. Es geht um ein 14-jähriges Mädchen namens Pearl, das mit seiner Ausreißer-Mutter Margot schon ihr ganzes Leben lang in einem Ford Mercury am Rande eines Trailer-Parks in Florida lebt. Was zunächst als Mutter-Tochter-Geschichte daher kommt, entpuppt sich als viel mehr als das. Innerhalb des Trailer-Parks, der sich als ganz eigenes Universum herausstellt, herrschen eigene Gesetze. Seine Bewohnerinnen und Bewohner spiegeln das wieder, was Amerika leider auch ganz real ausmacht. Ein waffendealende Pastor, mexikanische Schmuggler und traumatisierte Kriegsveteranen tummeln sich hier, alle Charaktere werden von der Autorin so wunderbar in Szene gesetzt, dass man sie fast vor sich stehen sieht. Ich hoffe, da hat sich jemand die Filmrechte gesichert. Dieses Buch schreit förmlich danach in grellfarbige, staubige und in der Sonne flimmernde Bilder umgesetzt zu werden. Neben all dem Drama, welches sich in diesem Park abspielt wirkt die zarte Beziehung zwischen Pearl und ihrer der Realität leicht entrückten Mutter fast wie ein zauberhaftes Märchen. Es ist ja noch früh im Jahr, aber dieses Buch hat seinen Fuß schon in der Tür was das Lesehighlight des Jahres betrifft.

Anne Haeming im Spiegel über dieses Buch:
„Trailerpark, Teenie-Mom und Waffenhandel: Was wie ein US-Stereotyp klingt, ist eine aufwühlende Story über ein Mutter-Tochter-Gespann.
Jennifer Clements Roman „Gun Love“ zerpflückt einem das Herz.“

Und schaut euch mal dieses Cover an! Das würde ich mir so gern in einem größeren Format ins Wohnzimmer hängen. Es macht sich aus meiner Sicht einfach immer bezahlt, wenn der Verlag in ein gutes Buchcover investiert. Keine Ahnung, ob ich sonst über dieses Buch gestolpert wäre. In diesem Fall war es wirklich so, dass ich es in die Hand genommen habe, weil mich das fantastische Cover magisch angezogen hat. Ich kann euch übrigens auch das Hörbuch wärmstens empfehlen. Ich war so drin in dieser Geschichte, dass ich sie unbedingt auch während einer längeren Autofahrt weiterhören wollte. Die Sprecherin Edith Stehfest kommt als Ich-Erzählerin Pearl sehr gut rüber. Egal ob gelesen oder gehört, dieses Buch wird mir noch sehr lange in Erinnerung bleiben. Und ja, es zerpflückt einem das Herz.

Als passenden Soundtrack zu dem Buch empfehle ich übrigens Nancy Sinatra:

Now he’s gone
I dont know why.
And till this day
sometimes I cry.
He didn’t even say goodbye
he didnt take the time to lie.
Bang Bang
He shot me down
Bang Bang
I hit the ground
Bang Bang
That awful sound
Bang Bang
My baby shot me down.

Also, dringende Empfehlung: Kaufen, ausleihen, lesen, weiterempfehlen, verschenken, Buchcover an die Wand hängen.

Gun Love von Jennifer Clement, Suhrkamp Verlag, 251 Seiten

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