Vom Joggen zum Laufen

Erstes Aufrüsten für den Paderborner Osterlauf

Hin und wieder ganz für sich ein paar Runden durch den Wald zu drehen ist eine Sache – Laufen eine andere.

Es macht eben nicht plötzlich ‚Klick‘, und man wird zur Läuferin oder zum Läufer. Ich würde mich selbst heute noch nicht als solche bezeichnen, sondern immer behaupten, dass Laufen gerade eher mein Schwerpunkt-Hobby ist. Und selbst das geschah auch nicht von heute auf morgen.

Der erste Osterlauf war schon ein tolles Erlebnis, großartig dieses Gefühl plötzlich tatsächlich mit tausenden von Menschen in so etwas wie einer Startaufstellung zu stehen und auf den Startschuss zu warten. Und natürlich macht es einen Unterschied, ob man ganz alleine durch Mutter Natur joggt, oder es zusammen mit so vielen anderen Läuferinnen und Läufern tut. Eine schöne Landschaft als Kulisse für einen Lauf ist wunderbar aber Menschen, die am Rand stehen und klatschen, rufen und jubeln – unbezahlbar.

Für die, die mich kennen, ist es vielleicht schwer zu glauben, aber ich bin gar nicht so der Publikumstyp. Ich habe keine Angst davor, vor vielen Menschen zu sprechen, zu lesen oder zu tanzen. Aber es reichen ein oder zwei mir wirklich nahestehende Menschen im Publikum, und ich könnte ausflippen vor Nervosität. Am ‚schlimmsten‘ ist es, wenn der Liebste zuschaut. Mit seinem Urteil steht und fällt mein Glück. 😉
Aber zurück zum Osterlauf: Am Rand der gesamten Strecke stehen einfach sehr viele mir bekannte Menschen. Ich bin gebürtige Paderbornerin und kenne so viele Gesichter, sei es aus frühester Jugend, durch meine Jobs, die Kinder oder einfach, weil man sich in unserer Stadt durchaus hin und wieder über den Weg läuft. Und hier ist es im Gegensatz zu allen anderen Gelegenheiten ein purer Genuss, so viele Freunde, Bekannte und Familie zu sehen. Und alle, die schon einmal bei so einem Volkslauf als Heimspiel mitgemacht haben, wissen, wie flott man plötzlich wieder laufen kann, wenn man die Kolleg*innen, die Mädelsclique oder die anderen Yogis der Freitagsstunde am Straßenrand sieht. Man könnte hinterher in der Tat anhand der Tempoaufzeichnungen von Runtastic sehen, wo die Fans standen.

Egal wo oder wie ich laufe, die letzten Meter sind immer die schönsten. Auf dem Weg nach Hause auf einer meiner Hausstrecken, die letzten Meter kurz vorm Ende der zu laufenden Zeit oder zurück zum Parkplatz an dem das Auto steht. Aber an einen echten Zieleinlauf kommt das alles nicht ran. Da sieht man dann meistens schon auf der großen Uhr, wie gut man gelaufen ist. Dort jubeln alle Zuschauer*innen noch einmal doppelt so laut und im besten Fall läuft sogar noch gute Musik und man wird anhand der Startnummer auch noch namentlich genannt. Die Zahl meiner absolvierten Läufe dieser Art ist noch sehr überschaubar. Aber egal wie klein oder groß, vom Volkslauf in Marienloh bis hin zum Hermannslauf von Detmold nach Bielefeld, ich habe bei jedem Zieleinlauf das Gefühl gehabt, dass man mich feiert. Das kann jetzt auch am Adrenalin oder meiner latenten Egozentrik liegen. Aber ich empfehle jedem, der mal etwas für seinen Selbstwert tun möchte, an so einem Lauf teilzunehmen. Selbst wenn man wie ich, sehr weit davon entfernt ist, auf einem Treppchen zu stehen.

Nach meinem ersten Osterlauf folgten selbstverständlich noch weitere. In den letzten Jahren konnten mich lediglich wirklich zwingende Gründe davon abhalten, daran teilzunehmen und die Zielzeit spielte in den meisten Fällen immer nur eine kleine Rolle. Dabei blieb es auch erst einmal eine ganze Weile: Hin und wieder mal joggen gehen und beim Osterlauf in Paderborn mitmachen. Entweder war es der Job, später die Kinder oder ganz einfach andere Interessen oder Schwerpunkt-Hobbys, warum ich die Lauferei nicht mal ein klein wenig enthusiastischer oder professioneller anging. Erklärtes Ziel der Lauferei war und blieb das effektive Verbrennen von Kalorien, der Kampf gegen die Pfunde und die verhassten Oberschenkel.

Selbstverständlich fing auch ich an, mich mit der Zeit ein klein wenig besser auszustatten. Die Anschaffung vernünftiger Laufschuhe stand an. Anstatt wie gewohnt zum erstbesten, günstigsten und vor allem optisch schönsten Modell zu greifen, hatte ich mein erstes Beratungsgespräch in einem richtigen Sportgeschäft. Als wäre es gestern gewesen, kann ich mich noch genau daran erinnern. Ich steuerte zunächst ganz selbstverständlich auf diese riesige Wand mit den unzähligen Schuhen zu, die alle drapiert waren, als wären es Ausstellungsstücke in einem Museum. In riesigen Lettern prangte über diesen Wänden Wörter wie INDOOR, FREIZEIT/STYLE oder, ah ja richtig, RUNNING. Immer noch völlig unbeobachtet griff ich zielsicher nach dem schönsten Damenschuh. Ein echtes Schmuckstück, so bunt, so leuchtend, so leicht und – oh mein Gott – total teuer! Das Entsetzen muss mir im Gesicht gestanden haben, sofort eilte ein Verkäufer herbei, der selbst in Klamotten steckte, als wolle er gleich zu einem Ultra aufbrechen.

Was dann folgte, glich eher einem Verhör als einem Beratungsgespräch.

„Wieviele Kilometer laufen Sie denn so in der Woche?“
„Hm, so einmal in der Woche. Stündchen vielleicht, wenn’s hoch kommt.“

„Welches Modell haben Sie bisher getragen?“
„Bunte.“

„Haben Sie irgendwelche Probleme beim Laufen?“
„Ja, mir fehlt einfach viel zu schnell die Puste.“

„Laufen Sie eher auf Asphalt oder weichem Untergrund?“
„Hab ich nie drauf geachtet, ich gucke immer nach vorn und nicht nach unten.“

„Hier entlang bitte. Laufen Sie doch mal den Gang da auf und ab!“
„Ich wollte doch nur einen Laufschuh, keinen neuen Job!?“

Es kam, wie es kommen musste. Ich verließ den Laden mit einem Laufschuh, für den ich mir getrost auch ein gutes, gebrauchtes Rad hätte kaufen können. Der angeblich beste Schuh für mich sah aus wie ein Lutschbonbon, ein in allen Nuancen rosa bis violett schimmerndes Lutschbonbon. Ich war fassungslos. Und arm.

Am gleichen Abend musste ich diese neue Errungenschaft natürlich ausführen. Es war mir schon etwas peinlich, weil ich mit meinem Anblick alle Passant*innen förmlich anschrie: „Seht alle her, ich habe mir für eine Vermögen neue Laufschuhe gekauft!“ Die Offenbarung erlebte ich dann natürlich schon nach den ersten paar hundert Metern:

Ich joggte nicht, ich lief.

Fortsetung folgt…

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