Lieber Herr Schirach, so geht das nicht.

Schmeißen Sie nicht länger Perlen vor die Säue!

Der Schirach also. Tabu. Was genau jetzt mit dem Titel des Buches gemeint ist, bleibt für mich auch nach der Lektüre ein Rätsel.

Zunächst zum Anfang: Die Sätze Schirachs schienen mir am Anfang ein bisschen zu kurz, zu klar, fast schneidend.  Aber mit der Stimme von Matthias Brandt gesprochen, habe ich mich sehr schnell daran gewöhnen können. Ja, ich habe seit langem mal wieder eine längere Autofahrt dazu genutzt ein Hörbuch zu hören. Ich hatte zunächst tatsächlich Schwierigkeiten, mich darauf zu konzentrieren. Warum auch immer, immer wieder war ich mit den Gedanken ganz woanders und musste die Kapitel wieder neu starten. Nach einer Weile aber haben mich sowohl Brandts Stimme und die Geschichte gefangen genommen, dann lief es und ich wollte gar nicht ankommen.

Nun zum Inhalt: Erst einmal war ich überrascht, dass es nicht gleich mit Mord und Totschlag und Gericht losging, irgendwie hatte ich bei Schirach damit gerechnet. Nein, ganz im Gegenteil, das Buch startet mit einer Entwicklungsgeschichte des Protagonisten und wird so einfühlsam erzählt (und von Matthias Brandt so wunderbar gesprochen), das hätte ich dem Schirach gar nicht zugetraut. Er schafft eine so spannende Figur, einen jungen Mann, der seinen Vater durch einen Selbstmord verliert, Fotograf wird und fortan versucht die Wahrheit in seinen Bildern und seiner Kunst zu finden. Schon alleine die Passagen in denen es um die Fotografie und die künstlerischen Installationen geht, haben mich sehr in den Bann gezogen. Genauso wie die Geschichten über die unterschiedlichen Menschen an der Seite des Mannes und deren Beziehungen zueinander.

Dann aber kommt, was kommen musste. Mord, Anklage, Gericht, Verteidiger, Staatsanwältin und Richter. Von einer Minute auf die andere findet man sich plötzlich in einem Kriminalroman wieder. Schirach schlägt einen ganz anderen Ton an und kommt mit einer Geschichte um die Ecke, die auf der einen Seite alle Klischees von Richtern, Staatsanwältinnen und Anwälten bedient, auf der anderen Seite aber so konstruiert, unrealistisch und irgendwie amerikanisch daher kommt, dass es mich schaudert. Was für ein Bruch und Perlen vor die Säue! Was hätte man mit diesen wundervoll entwickelten Charakteren nicht alles machen können? Ich fühlte mich fast ein bisschen um die wahre Geschichte dieser Figuren betrogen.

Fakt ist wohl: Ich bin einfach kein Krimifan. Nicht mehr. Ich war das mal, bis ich irgendwann das Gefühl von „satt“ und „kennste einen, kennste alle“ hatte. Und wohl zu recht. Daran ändert auch ein Plot mit überraschender Wendung nichts, wenn es diesen auch schon in tausend anderen Varianten gab.

Lieber Herr Schirach, sie können wirklich gut schreiben und haben einen sehr guten und einfühlsamen Blick auf die Menschen, was sie ausmacht und was sie bewegt. Können Sie vielleicht auch mal einen Roman schreiben, der ohne Mordanklage, Plädoyers und Anwälte auskommt? Ja? Vielen Dank.

„Tabu“ von Ferdinand von Schirach, 256 Seiten, btb Verlag

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