Die Schallmauer

Was der Bauer nicht kennt

Es gibt diesen einen Zettel. Den hatte mir der Liebste zu Hause auf den Tisch gelegt, damit ich wusste, dass er laufen gegangen war. Und damit ich mir ja keine Sorgen machte, hatte er gleich darauf gemalt, wie viele Kilometer er sich so vorgenommen hatte. Nicht dass ich noch einen Suchtrupp losschickte, wenn er nach einer Stunde nicht wieder zu Hause sei.

Ihr lacht, wenn ihr euch das Foto von diesem Zettel anseht?! Tja, als ich den Zettel auf dem Tisch liegen sah, dachte ich: Donnerwetter, da hat er sich aber heute richtig was vorgenommen.
Und so ist es wirklich gewesen. Ich weiß noch ganz genau, wie mühsam es war, sich Kilometer für Kilometer zu erarbeiten. Lange Zeit drehten wir unsere Runden ausschließlich an den Fischteichen. Für alle Leser*innen, die Paderborn nicht so gut kennen: Dort befindet sich ein Trimm-dich-Pfad der durch ein kleines Waldstück führt. Die Laufrunde ist genau zwei Kilometer lang und mit 100-Meter-Schildern bestückt. So weiß man immer ziemlich genau, wie weit man schon gelaufen ist. Das ist manchmal ja gut, aber manchmal auch genau nicht.

Wie in meinem ersten Teil der Laufgeschichte schon beschrieben, war auch ich eine der Kandidatinnen, die mit dem Auto zu diesem Waldsportpfad fuhren, um dort zu laufen. Niemals wäre ich damals auf die Idee gekommen, dorthin zu laufen. Dann wäre ich ja dann schon so kaputt gewesen, dass ich ein Taxi für den Weg nach Hause gebraucht hätte. Zwei Runden, also vier Kilometer, gingen nach kurzer Zeit schon relativ gut. Acht Kilometer waren schon eine besondere Errungenschaft, fünf Runden waren das erklärte Ziel, um endlich auch die Gewissheit zu haben, dass man den Paderborner Osterlauf auch gut schaffen kann.

Unvergessen bleiben jedoch dieses ständige Ringen zum Ende des Rundkurses: Drehe ich noch eine Runde oder lasse ich es gut sein für heute? Und das Diskutieren mit Laufpartner*innen: Wie viele Runden laufen wir denn heute? Echt noch eine? Niemals wäre damals auf die Idee gekommen, irgendwo anders zu laufen. Als die Zehn-Kilometer-Distanz endlich so gut ging, dass man danach nicht mehr nach einem Sauerstoffzelt schrie, galt das erklärte Ziel als erreicht: Einmal im Jahr den 10-Kilometer-Lauf beim Paderborner Osterlauf mitlaufen und ansonsten die Runden drehen, wie es gerade passt. Je mehr verbrannte Kalorien, desto besser. Logo.

Ja, und da war Schluss. Die magische Grenze war erreicht. Nach zehn Kilometern gab es in meiner Wahrnehmung nichts mehr. Als würde danach auch ganz klar nichts mehr kommen. Das Wort Marathon hatte ich schon mal gehört, hielt alle, die das taten, für Profis oder irre. Und ich schwöre: Ich wusste jahrelang nicht, dass es beim Osterlauf tatsächlich einen Halbmarathon-Wettbewerb gab, und vor allem nicht, dass bei so einem Lauf auch Menschen mitliefen, die damit nicht unbedingt ihren Lebensunterhalt bestritten. So ging es jahrelang. Es wurde mal mehr, mal weniger gelaufen in der Familie Freise. Es kamen Verletzungen dazwischen, berufliche Herausforderungen, die alle Kräfte dringend benötigten, und Kinder. Es kamen Kilos, die gingen auch wieder. Am besten schwanden die Kilos bei mir immer mit einer gesunden Kombination aus FdH und viel Sport. Aber niemals, wirklich niemals, wäre ich auf die Idee gekommen, mehr zu laufen als 10 Kilometer.

Als wäre das eine Schallmauer, die mich mit lautem Knall erschlagen würde, sobald ich sie durchbrechen würde. Bämm.

Unfassbar, aber es hat wirklich Jahre gedauert, bis ich irgendwann auf die Idee kam, mal etwas mehr zu laufen oder gar – total mutig und verrückt – eine andere Laufstrecke zu probieren. Selbst meine erste Halbmarathondistanz lief ich auf diesem Rundkurs. Einfach so, weil mir danach war, immer im Kreis. So eine lange Strecke blieb aber sehr lange zunächst ein einmaliges Experiment.

Und auch heute noch ist der Rundkurs ein wichtiger Teil meiner Hausstrecken-Sammlung. Ich habe mir mittlerweile ein kleines Streckenrepertoire erlaufen.

  • Der Evergreen: 10 Kilometer, von zu Hause zu dem Rundkurs bei den Fischteichen, eine Runde und wieder zurück.
  • Wenn es mal ein Scheibchen mehr sein darf: gleiche Strecke, auf dem Rückweg noch einmal ums Städtchen herum, überall nach dem Rechten sehen und wieder nach Hause, summa summarum 12 Kilometer.
  • Die Sonnentour: von zu Hause hoch in die Felder und wieder zurück. Kein Baum und Schatten weit und breit, macht dann 14 Kilometer.
  • Und für die Halbmarathondistanz von 21 Kilometern wahlweise in den nahegelegenen Waldpark Haxtergrund (mit ein bisschen hoch und runter) und wieder zurück nach Hause oder zum Lippesee eine Runde drum herum und wieder zurück (sehr schön bei strahlendem Sonnenschein).

Und dabei bleibt es. Ich schwöre euch, ich habe vielleicht zweimal versucht, eine der Strecken andersherum zu laufen. Es war die Hölle! Und immer wenn mir jemand eine neue Laufstrecke empfiehlt, denke ich. Ja, schön. Laufe aber immer wieder meine (!) Strecken. Ich kenne jede Ecke, jeden Stein. Weiß genau, wie viel ich schon geschafft habe und kann abschalten. Weil ich eben nicht überlegen muss, wo ich her muss, welcher Weg der bessere ist oder ob ich jetzt nicht vielleicht doch lieber umkehre.

Ich weiß, ich werde mir spätestens jetzt neue Strecken suchen müssen, weil mein Training andere Distanzen auf den Plan bringt. Es wird mich fürchterlich viel Überwindung kosten. Aber wenn ich dann erst einmal eine schöne neue Runde gefunden habe, dann kommt sie sicher auch in meine Sammlung. Und für so Tage, an denen eigentlich gar nichts geht und mein Kopf eine Pause braucht während die Beine laufen, drehe ich einfach wieder meine Runden an den Fischteichen.

Fortsetzung folgt…

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