Ach Gott, ach Gott, ach Gott, ach Gott!

Was für eine Zumutung, dieser brillante Höllenritt.

Das hat man nun davon, wenn man sich in sein Auto setzt, fünf Stunden Fahrt vor sich hat und einfach die erste CD eines Hörbuchs (selbstverständlich ungekürzt) einlegt, von einem Autor, von dem man bisher ausschließlich amüsante Bücher gelesen hat.

Und amüsant ist auch dieses Buch. Am Anfang.

Erst einmal hatte ich schon ein paar Probleme mich reinzuhören. Denn das Hörbuch wird von keinem geübten Sprecher oder Schauspieler gesprochen, sondern vom Autor persönlich. Nach den ersten 20 Minuten machte das für mich aber direkt auch schon wieder Sinn, denn seine schnoddrige Art zu sprechen und der Hamburger Dialekt machen ganz bestimmt einen großen Teil des Hörerlebnisses aus. Spätestens da war ich froh, dieses Buch nicht lesen zu müssen, sondern zu hören, denn mit dem Lesen einer Mundart habe ich immer so meine Schwierigkeiten.

Die erste Hälfte des Buches fühlt sich an wie eine durchzechte Nacht in den Kneipen St. Paulis. Es ist alles so gut beschrieben und so brillant erzählt, dass es mir vorkam als hätte ich ebenfalls in diesen Kneipen an der Theke gesessen, meinen Fako (Fanta-Korn) getrunken und all die kaputten Gestalten, die dort herumlungern persönlich kennengelernt. Ja, an diesem Punkt fand ich den Protagonisten auch noch irgendwie sympathisch, wie er sich sein Leben zwischen Kneipe, Alkohol, Bett und Straße eingerichtet hatte.

Und dann kam der Punkt, da wurde es fies. Aus der schummrigen Kneipe mit all ihren angespülten Nachtgestalten wurde ein schmutziger Moloch aus Dreck, Pisse und Gestank, gepaart mit einer Brutalität, die kaum auszuhalten war. Es folgen Sexszenen, vielmehr Vergewaltigungsszenen, die mich echt erschrocken haben und das ganze mündet in einer nicht enden wollenden, von Gier nach abartigem Sex angetriebenen, Mordlust. Ich war wirklich froh, als ich diese Hölle überstanden hatte.

Nach der Lektüre habe ich sofort recherchiert. Zugrunde liegt die authentische Geschichte des Serienmörders Fritz Honka, der in den 70er Jahren in Hamburg im Stadtteil St. Pauli als Frauenmörder sein Unwesen getrieben hat.

Und dann denke ich: Brillant! Ich habe mich dadurch, dass ich keinen Schimmer hatte um was es in dem Buch geht, dem Protagonisten völlig unvoreingenommen genähert und fand ihn sogar sympathisch. Und so wie es sich für mich anfühlte in die Geschichte hineingezogen und von ihrer Brutalität und Abartigkeit überwältigt zu werden, hat es sich vielleicht auch für Fritz Honka angefühlt, unter dauerndem Alkoholeinfluss wie ferngesteuert zu dem Monster zu werden, das er am Ende war.

Nichts für schwache Nerven und eine echte Zumutung (und ich halte mich schon für relativ hartgesotten) aber ein außerordentlich gutes Buch, denn das was es mit mir gemacht hat, muss man erst einmal schaffen.

„Der goldene Handschuh“ von Heinz Strunk, 256 Seiten, Rowohlt Verlag

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