Das Verschwinden und ich

Denn ich war nicht, was man wollte, war mir fremd, der ich begehrte, selbst der Verschollene zu sein.


Ich hatte schon immer einen persönlichen Faible für das Verschwinden. Wer kennt sie nicht? Die Erinnerungen an fürchterlich unangenehme oder gar schreckliche Situationen, in denen man sich dann als Kind immer wünschte, ganz einfach und plötzlich in den Boden zu versinken. Oder es zu machen wie die bezaubernde Jeannie: einmal Arme verschränken, mit den Augen zwinkern und weg.

Selbst später als junge Erwachsene tröstete mich manchmal in schwierigen Lebenslagen der Gedanke einfach abzuhauen, für den Fall, dass es ganz dicke kommen würde. Was ich natürlich nie tat. Irgendwann waren es dann Radiohead mit ihrem Song „How to disappear completely“, die mich wieder in diesen Bann zogen oder das Buch „How to disappear completely and never be found“, das einem ganz pragmatische Tipps gibt, was zu tun ist, wenn man wirklich mal verschwinden möchte. Ich habe selber einige Geschichten über das Verschwinden geschrieben und sogar einmal ein Bild dazu gemalt. Das ist nun auch schon wieder viele Jahre her. Dann stolpere ich kürzlich über dieses Gedicht von John Burnside und es verschlägt mir fast den Atem. Da ist es wieder, dieses Zauberhafte rund um das Verschwinden. Und Jahre später wird mir deutlich, dass es dabei gar nicht um das weg sein geht, sondern um die Vorstellungen und die Phantasien darüber, was an dem Ort passiert, den man zurücklässt. Danke, Mr. Burnside!

Hier ein Auszug:

„Man hatte sie zuletzt in unserem Garten aus Steinen und Weiden gesehen.
Ein paar Zweige und Kiesel, schimmernd, vom Regen glasiert,
und hier und da zwischen Schlamm und Schotter
ein Fleckenteppich aus Blättern und Milchstein, für einen einzigen
Augenblick schön im wechselnden Licht.
Und dann war sie weg.

Meine Mutter hatte für wenige Sekunden
weggeschaut
— das wiederholte sie auch immer wieder,
als könnte die Logik dieses Satzes
die Wildheit eines Universums ausbügeln, das seit Jahren
berechenbar geblieben war und dann auf einmal
die jüngste Tochter davonträgt;
mein Vater hatte sich im Hinterzimmer unseres Fertighauses aufgehalten
und im neuen Fernseher das Gold-Cup-Rennen geguckt,
bei dem Arkle zur Aufregung des Kommentators
mit zwanzig Längen Vorsprung spielend gewonnen hatte.

Vielleicht erkennen wir erst im Rückblick,
dass wir alle Voraussetzungen
für das Glück hatten – erstes Frühlingslicht,
die Bäume am Feldweg
voll mit Vogelgesang;
und genau das war es wohl,
was sie in die große weite Welt
gelockt hatte, erstaunt, plötzlich zu Hause,
egal, wo sie war.

Als man sie fand, wirkte sie
anscheinend gar nicht verängstigt.

Eine Stunde war vergangen, dann eine zweite;
meine Mutter wartete, während Freunde und Nachbarn
ein und aus gingen und mein Vater hinauseilte,
um zu suchen; bald kam er zurück,
und nahm sie einmal in den Arm, versuchte
sie zu trösten, vergeblich
wobei sie in einer mit Zuckerguss und Mehl
bestäubten Schürze einfach da stand, und er
zu sehr für sich war, zu unverschämt männlich,
ungeschickter noch als an jenem Tag, als er sie kennengelernt hatte,
zumal seither eine Ehe zwischen sie gekommen war: die vielen Jahre guter Absichten
und unbekümmerter Missverständnisse.

Tom Dow war es, ein Junge, den wir
als Schulhofschläger kannten, und der sich nun
plötzlich als Held wiederfand,
der sie mit Tränen in den Augen nach Hause brachte,
und als man sie hereintrug
und auf eine Stuhl setzte,
scharten wir uns um sie und um das Licht,
das von ihr ausging, und Leben und Tod
standen in ihren blauen Augen, und auch die süße
Wirrnis ihrer Rettung, war sie doch niemals
in Gefahr gewesen.

Inzwischen hat sie geheiratet, auch Tom ist verheiratet,
und ich, wie mein Vater, bin in Missmut
versunken,
denn ich war nicht, was man wollte, war
mir fremd, der ich begehrte,
selbst der Verschollene zu sein
und am äußersten Rand des Winters den Blick
dorthin zu richten, wo das Dunkel beginnt, in den fernen Bäumen:
Dunkelheit und eine neuere Kälte und das Gefühl, ein anderer sei in den fernen Bäumen, wo niemand so tut,
als gehörte ich dorthin.“

 

„Vom Verschwinden meiner Schwester im Alter von 3 Jahren, 1965″ aus John Burnside „Anweisungen für eine Himmelsbestattung“; Hanser Verlag;  302 Seiten 22,00 €

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.