Chinabox – Neue Lyrik aus der Volksrepublik

Ein chinesisches Loblied auf das Sitzen.

alles, was keine flügel
und einen hintern hat
sitzt
muss sitzen
liebt sitzen
kann nicht anders, sitzt
bequem oder anmutig
beständig
würdevoll
bis keiner mehr weiß
dass man sitzen lernen muss
wirbel- und schalentiere können es jedenfalls nicht
als die ersten sich hinsetzten
zahlten sie einen blutigen preis
sie schlugen ihre zähne an stühlen aus
weshalb alle stühle seitdem
ihre blutsbrüder
und alle, die sitzen
ihre besten freunde sind
egal, welche tür sie öffnen
sie schauen erst
wer dahinter sitzt
wo die stühle stehen
sie wollen, dass jeder stuhl nur nach ihnen schaut
die freundlichsten stühle kommen nach vorn
reichen dir ein gelbes kissen und bieten sich an

die freundlichsten menschen hüsteln
oder nicken
wenn du dich setzen sollst
ihr seid beide überzeugt
dass man sich bloss setzen muss
damit möglichkeiten entstehen
was sogar dann funktioniert
wenn man sich nur setzt, um schuhe zu putzen
zu angeln oder nägel zu kauen

man muss sitzen, um gedichte zu schreiben
sitzen, wenn man verhandlungen führt
wer befehle unterschreibt, sitzt
am schönsten ist es, bei anderen auf dem schoß zu sitzen
allerdings dauert so ein glücksfall nie lang
weil die anderen angst bekommen
dass du letztendlich auf ihrem kopf sitzen willst

im sitzen „richtig“ und „falsch“ zu sagen
macht mehr eindruck
als wenn man dabei steht
sofort läuft irgendwer los und verkündet dein urteil
an diejenigen, die knien oder stehen
sitzen schränkt also die bewegungsfähigkeit ein
sorgt aber dafür, dass alle anderen außer atem sind

wenn alle anderen sitzen
und nur du stehst
ist das sehr gefährlich
am besten ist, alle stehen und nur du sitzt
was allerdings auch gefährlich ist

wer geht oder läuft, sucht die antwort
wer liegt, weist sie zurück
wer sitzt, weiß wo die antwort ist
sitzen ist die antwort

geliebte freunde
ich erinnere mich, wie ihr sitzt
eure schönheit dabei
fest sitzen, sicher sitzen
sitzen ist eine art stärke
sitzen ist macht
sitzen, sitzen
und plötzlich aufstehen
kann auch eine art macht sein
aber an die stärke von sitzen
kommt sie nicht heran

was die mächtigsten am meisten fürchten
ist, dass ihre gegner sich einen stuhl nehmen
aber dir gegenüber sitzen
nur ein paar kinder, die sich nicht setzen wollen
sie haben keine angst

an der straßenecke sitzen und auf niemanden warten ist eine art macht
neben gräbern sitzen ist eine andere art
auf dem klo sitzen ist die schwächste macht
aber: wie ein mönch in der urne sitzen und aufs nirvana warten
ist das die höchste macht?
auf dem flohmarkt in panjiayuan in einem gemälde zu sitzen
und auf das höchste gebot aus dubai zu warten
ist jedenfalls die höchste form von sein, die man sein kann
nur was, wenn ein kind, das sich nicht setzen will das bild in brand steckt?

beim sitzen klemmt der schwanz unter dem po
so ändern sich körperhaltung und blutgruppe
die beine werden kürzer, die füße kleiner
gehirn und bauch werden größer
wie beim hofstaat halbierter körper auf einem pokerblatt
kraft und ignoranz sind angeboren
sie wachsen in dir, wenn du sitzt

man setzt sich zum nicken
zum geld zählen
man setzt sich für sex
setzt sich zum töten, setzt sich zum schminken
sitzend wartet man auf den tod
was manchmal vergessen wird, ist, dass man im sitzen fliegen kann
wenn man sich auf einen hohen stuhl setzt
und hochschießt mit der yangtse-8-rakete
oder mir schwarzpulver aus der shang-dynastie
landet man im südosten von pluto in einem loch
in dem man immer noch sitzen bleibt

wenn du bis zum letzten moment sitzen bleibst
nimmt gott einen stuhl
und stellt ihn vor sich, für dich
und es gibt keinen aus der himmlischen herde, der widerspricht
sie stehen, hocken, liegen, bäuch- und rücklings
vor gottes büro
ihre augen sind abgewetzt
wie ein haufen steine
was nach sitzen aussieht, aber keine sitzen ist –
ist das ihr versuch, diejenigen auszuschalten
denen man das sitzen zu sehr ansieht?
werden sie alle sitzenden bestrafen
mit einem stuhlkreis
mit kinderliedern
oder mit steuerpflicht?

manche sitzen so aufrecht
als ob sitzen grundsätzlich unnötig sei

 

Sitzen von Lü Yue aus Chinabox, Verlagshaus Berlin, 24,90 €

 

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